Zuchtwertschätzung

Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. (vit)
Im Rechenzentrum Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung w.V. (vit) laufen alle Daten der Milchrinderrassen Holstein, Red Holstein, Angler, Rotbunt-Doppelnutzung (DN) sowie Jersey und Schwarzbunte alter Zuchtrichtung (DSN) zentral zusammen. Auf Basis dieser im internationalen Vergleich in Größe und Qualität einmaligen, zentralen Datenbank führt das vit als unabhängige Institution unter staatlicher Kontrolle die bundesweite Zuchtwertschätzung für diese Rassen durch. Die Liste der Zuchtwerte umfasst alle wirtschaftlich wichtigen Merkmale von der Milchleistung bis zur Melkbarkeit. Die angewendeten statistischen Modelle gehören zu den besten in der Welt.

Detaillierte Informationen zu den Schätzmodellen, Daten und Merkmalen findet man unter www.vit.de.

Milchleistung und Eutergesundheit
Die Milchleistungs- und die Zellzahl-Zuchtwerte werden bereits seit 1997 direkt auf Basis der jeden Monat in den Betrieben gemessenen Tagesleistungen mit Hilfe eines Testtagsmodells geschätzt. Es erfolgt also keine Zusammenfassung oder Hochrechnung zu Laktationsleistungen. Da die Leistungen innerhalb Herde und Tag miteinander verglichen werden, kann eine optimale Korrektur für die Umwelt erfolgen. Da in Deutschland bei jeder Milchkontrolle in jeder Milchprobe neben Eiweiß und Fett auch die Zellzahl bestimmt wird, steht für die Eutergesundheit dieselbe gute Datenbasis zur Verfügung wie für die Milchleistungsmerkmale.

Exterieur
Die Exterieur-Zuchtwertschätzung umfasst alle von der WHFF (World Holstein Friesian Federation) empfohlenen linearen Standardmerkmale sowie zusätzlich das Fundamentmerkmal „Sprunggelenks-Qualität“. Außerdem werden für vier vom Klassifizierer vergebene Komplex-Noten Zuchtwerte geschätzt: Euter, Fundament, Körper, Milchtyp. Im RZE (Relativzuchtwert Exterieur) sowie den vier veröffentlichten Komplex-Zuchtwerten sind jeweils die Informationen aus den linearen Merkmalen und den Noten der Klassifizierung zusammengefasst. Die Auswahl der Testbullentöchter und Vergleichstiere erfolgt zentral durch das vit und betrifft alle Betriebe mit Milchleistungsprüfung. Die Exterieurzuchtwerte basieren damit auf der gesamten Bandbreite der Population und z. B. nicht nur auf Daten aus ausgewählten Herdbuchbetrieben. 

Nutzungsdauer
Seit April wird der Zuchtwert für Nutzungsdauer (RZN) basierend auf neun Überlebenszuchtwerten geschätzt, die wiederrum neun Lebensabschnitte repräsentieren. Von der ersten Kalbung bis zur vierten Kalbung werden dabei die hieraus resultierenden 3 Laktationen in je drei Abschnitte unterteilt. So stehen erste reale Überlebensinformationen bereits am 50. Tag der ersten Laktation, der das Ende des ersten Abschnitts kennzeichnet, zur Verfügung. So bekommen alle Bullen zeitgleich mit den ersten töchterbasierten Zuchtwerten für Milchleistung/Zellzahl auch Nutzungsdauerzuchtwerte auf Basis von Töchterinformationen. Analog zu anderen Relativzuchtwerten wird ein RZN für KB-Bullen veröffentlicht, wenn er auf Töchterinformationen (1. Abschnitt 1. Laktation) auf mindestens 10 Betrieben beruht.

Der Gesamtzuchtwert RZG
Im Gesamtzuchtwert RZG werden alle wichtigen Merkmale entsprechend ihrer wirtschaftlichen Bedeutung zusammengefasst. Deutschland war 1997 eines der ersten Länder mit einem echten Gesamtzuchtwert, in den Merkmale wie Leistung, Exterieur und die funktionalen Merkmale wie Nutzungsdauer und Fruchtbarkeit einfließen. In der Zusammensetzung des RZG  sind die funktionalen Merkmale mit 40 %, das Exterieur mit 15 % sowie die Leistung mit 45 % gewichtet.

Fruchtbarkeit
Die Fruchtbarkeit von Hochleistungskühen ist komplex. Daher werden für insgesamt fünf verschiedene Merkmale aus den Bereichen „Zyklusbeginn nach dem Kalben“ und „Konzeptionsfähigkeit“ Zuchtwerte geschätzt. Diese werden entsprechend der wirtschaftlichen Bedeutung zum RZR (Relativzuchtwert Reproduktion) zusammengefasst. Die Datenbasis umfasst alle Besamungen von allen Kühen und Jungrindern in allen Betrieben mit offizieller Milchkontrolle.

Kalbemerkmale
Für die Kalbeeigenschaften sind immer zwei Aspekte zu berücksichtigen. Der direkte Kalbeffekt (z. B. Größe des Kalbes) und der Effekt der Mutter (z. B. Beckenform der Mutter). Beide Faktoren nehmen im selben Maße Einfluss auf den Geburtsverlauf und sind somit bedeutend für problemlose Geburten. Da es mit Kalbeverlauf und Kälbervitalität (Totgeburtenrate) zwei Informationsmerkmale gibt, resultieren daraus insgesamt 4 Einzel-Zuchtwerte. Kalbeverlauf direkt und Totgeburtenrate direkt werden zum Relativzuchtwert Kalbeverlauf-direkt (RZKd) zusammengefasst, der die Geburtsverläufe der Kälber eines Bullen beschreibt. Die beiden maternalen Zuchtwerte Kalbeverlauf maternal und Totgeburtenrate maternal werden zum Relativzuchtwert Kalbeverlauf-maternal (RZKm) zusammengefasst, der die Kalbeeigenschaften der Töchter eines Bullen beschreibt. 

Weitere funktionale Merkmale
Zusätzlich zu den vorgenannten und im Gesamtzuchtwert gewichteten Merkmalen werden für die weiteren funktionalen Merkmale Zuchtwerte ausgegeben:
• Melkbarkeit (aus gemessenem Milchfluss und Bewertung durch den Besitzer)
• Temperament (Bewertung durch den Besitzer)
• Persistenz (aus der Laktationskurve)
• Body Condition Score

Relativzuchtwerte
Alle Zuchtwerte – außer Milchleistungsmerkmale – und zusammenfassende Indizes werden als Relativzuchtwerte veröffentlicht. Dadurch sind sie über alle Merkmale direkt miteinander vergleichbar und die höhere Zahl gibt das züchterisch Erwünschte an. Die Skala für alle Relativzuchtwerte hat 100 als Mittel und eine genetische Streuung (Standardabweichung) von 12 Punkten.

Fitness
Seit August 2009 hat das vit einen zusammenfassenden Fitness-Index, den RZFit, geschätzt und veröffentlicht. Der RZFit umfasste die Merkmale Töchterfruchtbarkeit (RZR), Kalbemerkmlae maternal (RZKm), Fundament, Nutzungsdauer (RZN), Eutergesundheit, Euter und Milchleistung (RZM), welche deutlich zugunsten der funktionalen Merkmale gewichtet waren. Gemeinsam ist diesen Merkmalen, dass sie Aspekte beschreiben, die Rückschlüsse auf eine gute Fitness zulassen. Abgelöst wir der RZFit im April 2019 von dem neu entwickelten RZGesund, in den Merkmale einfließen, die direkte Rückschlüsse auf die Gesundheit/Fitness erlauben.

RZKälberfit

In Ergänzung zu den neuen Gesundheitszuchtwerten sowie dem schon existenten Zuchtwert zur Totgeburtenrate ist es nun aufgrund der umfassenden Datengrundlage gelungen, einen Zuchtwert für die Fitness bzw. Vitalität von Kälbern in der Aufzuchtperiode zu entwickeln. Basierend auf den Daten von ca. 8 Millionen weiblichen Kälbern, die seit 2006 geboren wurden, beschreibt der neue RZKälberfit die genetisch bedingte Fähigkeit, die Aufzuchtperiode von Tag 2 bis zu einem Alter von 15 Monaten zu überleben. Betrachtet werden hierbei ausschließlich weibliche Kälber, da männliche Kälber in der Regel vom Geburtsbetrieb nach gut 14 Tagen zur Mast verkauft werden. Da die Abgangsursache in den verschiedenen Altersabschnitten auf unterschiedliche Krankheiten zurückzuführen ist, wird im Schätzmodell zwischen fünf Altersabschnitten (Tag 3-14, 15-60, 61-120, 121-200, 201-458) unterschieden. Dargestellt wird der RZKälberfit auf der üblichen Relativ-Skala mit 100 als Mittelwert und einer genetischen Streuung von 12. Die Sicherheit des rein genomischen RZKälberfit beträgt 51 %.

RZGesund
Ab April 2019 wird für jeden Bullen der neue Zuchtwert RZGesund veröffentlicht, der aus den vier Komplexzuchtwerten RZEuterfit, RZKlaue, RZRepro und RZMetabol zusammengefasst wird. RZEuter erhält hierbei mit 40 % das höchste Gewicht, da ein relativ hoher Anteil der Kühe im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Mastitis hat und die Kosten je Mastitiserkrankung hoch sind. Der zweitwichtigste Komplex ist die Klauengesundheit, weshalb der RZKlaue mit 30 % gewichtet wird. Der RZRepro fließt mit 20 % ein und der Komplex zur Stoffwechselstabilität, RZMetabol, erhält zunächst 10 % Gewicht. Die vier Komplexzuchtwerte ihrerseits enthalten wiederrum unterschiedlich gewichtete Einzelmerkmale, die Sie der unten stehenden Tabelle entnehmen können.

Komplex

Merkmal

Index- Gewichtung

Gesamt

RZEuterfit

Mastitis Resistenz

100 %

40 %

RZKlaue

DDcontrol (Dermatitis digitalis/Mortellaro)

30 %

30 %

Klauengeschwüre

15 %

Panaritium

15 %

Weiße Linie Defekt

15 %

Klauenrehe

15 %

Limax/Zwischenklauenwulst

10 %

RZRepro

Zyklusstörungen

50 %

20 %

Endometritis/Metritis

25 %

Nachgeburtsverhalten

25 %

RZMetabol

Labmagenverlagerung

40 %

10 %

Milchfieber

30 %

Ketose

30 %

RZGesund

 

 

100 %

 

 

Robotereignung
Der Zuchtwert für Robotereignung, RZRobot, wird seit August 2014 veröffentlicht. Er wurde speziell für Betriebe mit automatischen Melksystemen entwickelt, um dort die spezifische Bullenauswahl zu erleichtern. Der RZRobot setzt sich aus den Merkmalen Melkbarkeit (≥ 94), Zellzahl, Fundament, Euter, Strichplatzierung hinten (≤ 106) und Strichlänge (≥ 94) zusammen. Diese sechs Merkmale fließen mit unterschiedlichen Gewichtungen in den RZRobot ein. Für die Merkmale Melkbarkeit, Strichplatzierung hinten und Strichlänge wurden die in den Klammern aufgeführten Mindestanforderungen definiert. Des Weiteren wurde festgelegt, dass der RZRobot nur ausgewiesen wird, wenn er ≥ 100 ist, um zu gewährleisten, dass  der Bulle sich auch positiv auf die Robotereignung seiner Töchter auswirkt.

Genomische Zuchtwerte
Seit August 2010 sind genomische Zuchtwerte für Holstein (schwarzbunt und rotbunt) in Deutschland offiziell und etabliert. Die bisherige reine Bullenlernstichprobe wird von der EuroGenomics-Lernstichprobe gebildet und beinhaltet über 35.000 sicher töchtergeprüfte und gleichzeitig genotypisierte Bullen, davon ca. 13.000 mit Töchtern in Deutschland.
Zur Zuchtwertschätzung im April 2019 wird von der reinen Bullenlernstichprobe auf eine gemischte Lernstichprobe umgestellt, in die dann über 38.000 Bullen und 150.000 Kühe einfließen. Die Qualität und Unverzerrtheit der deutschen genomischen Zuchtwerte selbst im sehr hohen Bereich wird nicht nur durch die ICAR-/Interbull-Validierung bestätigt, sondern auch durch inzwischen fast 2.000 Bullen mit vormals offiziellen nur-genomischen Zuchtwerten, aber inzwischen klassischen Zuchtwerten auf Basis von über 100 Töchtern. Informationen zur genomischen Selektion finden Sie unter www.ggi.de – HolsteinzuchtGenomische Selektion

Für weitere Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.